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Rückblick: Kino für alle?! - 4.Mai 2017, 18 Uhr, Ratssaal im Rathaus

Kino für alle?! Gemeinsam Filme barrierefrei und inklusiv erleben
Diskussion, Pressegespräch und Filmvorführung: "Fasten auf italienisch"

Donnerstag, 4.Mai 2017, 18 Uhr
Ratssaal im Rathaus, Am Markt 1, 72070 Tübingen

Das Tübinger Rathaus ist barrierefrei zugänglich. Eintritt frei.
Für HörgeräteträgerInnen ist eine induktive Höranlage vorhanden.

Mit freundlicher Unterstützung des Arsenal Filmverleihs und der Aktion Mensch.

Hier geht es zum Plakat.

Im Rahmen des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung behinderter Menschen am 5.Mai
luden FORUM & Fachstelle INKLUSION in Kooperation mit der Universitätsstadt Tübingen Fachabteilung Kunst und Kultur und mit freundlicher Unterstützung des Arsenal Filmverleihs sowie der AKTION MENSCH dieses Jahr in Tübingen ein zu einer barrierefreien Filmvorführung. Aus gutem Grund fand die Veranstaltung in keinem der Tübinger Kinosäle statt, sondern im Ratssaal im Tübinger Rathaus. Denn: Es gibt kein Kino in Tübingen, dessen Kinosäle selbständig (= ohne fremde Hilfe) barrierefrei erreichbar sind. Mit Anmeldung und Hilfe kommen Rollstuhlnutzende  ins Kino 1 im „Museum“ und in ein Kino in der „Blauen Brücke“. Auch die beiden Tübinger Programm-Kinos „Arsenal“ und Atelier“ sind nicht mit dem Rollstuhl zugänglich. Und: Keines der Kinos verfügt über induktive Technik für Hörgeräte-NutzerInnen.

Damit griff die Veranstaltung das diesjährige Kampagnen-Motto „Wir gestalten unsere Stadt“ auf. Die fehlende bzw. nicht ausreichende Barrierefreiheit aller Tübinger Kinos wird von den am selbständigen Kinobesuch behinderten Film-Fans regelmäßig angemahnt und als großer Mangel für das Tübinger Kulturleben benannt, unter anderem auch in zahlreichen Leserbriefen wie zuletzt am 15.3.2017 im Schwäbischen Tagblatt.

Ab 18 Uhr und vor Filmstart gab es eine Diskussion und ein Pressegespräch mit Statements zur selbstständigen barrierefreien Zugänglichkeit und Nutzbarkeit der Tübinger Kinos.

Elvira Martin vom FORUM INKLUSION begrüßte die etwa 40 Gäste. Sie erinnerte daran, dass die Stadt Tübingen die Erklärung von Barcelona unterschrieben hat. In dem dazu ausgearbeiteten Handlungskonzept gibt es ein eigens Kapitel zum Thema Kultur barrierefrei. Die Stadt Tübingen betreibt selber kein Kino, aber sie hat sich mit dem Handlungskonzept selbst verpflichtet, z. B. auf Kulturanbieter zuzugehen und auf die Entwicklung von barrierefreien Kulturangeboten hinzuwirken.

Diesen Aspekt griff die Erste Bürgermeisterin der Stadt Tübingen Dr. Christine Arbogast in ihrem
Grußwort noch einmal ganz besonders auf. Sie bekräftigte, dass mit der Unterzeichnung der Erklärung von Barcelona der Inklusionsgedanke tief in der Stadt verankert ist. Alle Bürgerinnen und Bürger sollen am gesellschaftlichen und damit auch kulturellen Leben in der Stadt teilhaben können. Zugänglichkeit bedeute aus städtischer Sicht  nicht nur einen barrierearmen baulichen Zugang, sondern auch notwendige technische Voraussetzungen und eine gute Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kinos.

In der nach dem Grußwort folgenden Podiumsrunde wurden dann genau diese Voraussetzungen für eine umfassende Barrierefreiheit konkret benannt.

Brigitte Duffner vom CeBeeF im SOZIALFORUM TÜBINGEN e.V. nutzt für ihre Mobilität einen E-Rollstuhl. Sie machte deutlich, dass zwischen ihr und den Tübinger Kinos mindestens eine, meistens aber deutlich mehr Stufen liegen. Sie muss sich immer bemerkbar machen, häufig auch im Voraus anmelden. Mit Unterstützung kommt sie in zwei Kinosäle in Tübingen. Sie erfährt dadurch eine Außenseiterrolle und steht für einen eigentlich sehr selbstverständlichen Vorgang – das Betreten des Kinos – sehr im Mittelpunkt. Einfach eine DVD zu Hause schauen ist für Brigitte Duffner keine Alternative. Sie möchte unter Leuten sein und mit Freunden ins Kino gehen.

Agnes Braun-Conzelmann von Lebenshilfe Tübingen e.V. fasste die wichtigsten Ergebnisse der Gruppe „Kultur inklusiv“ zusammen. Zum Beispiel muss es klar sein, wann eine Veranstaltung beginnt, wann sie endet und wo die nächste Bushaltestelle ist. Eine kurze Filmbeschreibung und ein anschauliches Bild machen Lust auf den Film. In Kinos mit mehreren Sälen sollte es ein gutes Leitsystem geben, um den richtigen Saal für den ausgewählten Film zu finden.
In der Gruppe Kultur inklusiv haben Menschen mit Lernschwierigkeiten das Tübinger Kulturleben erforscht und einen Katalog mit Forderungen erarbeitet.

Sabine Hanser vom Öhrli-Treff/Selbsthilfe für Hörgeschädigte setzte sich mit der Situation von hörgeschädigten Menschen auseinander. Sie betonte, dass Umgebungsgeräusche das Hören für diese Personengruppe trotz Hörgerät sehr erschweren. Deshalb ziehen sich Hörgeschädigte sich häufig aus dem sozialen Umfeld mehr und mehr zurück. Sie forderte deshalb für die Kinos (und andere öffentliche Veranstaltungsräume) den Einbau von induktiven Höranlagen. Mit einer aktivierten T-Spule im Hörgerät bekommen die Betroffenen dann den Ton direkt ins Ohr übertragen. Gegenüber der Streaming-Technik, die ein smartphone, ein offenes WLAN und einen Server im Kino voraussetzt, ermöglichen Induktive Höranlagen eine ganz barrierefreie und unauffällige Nutzung der Verstärkung. Außerdem seien Induktive Höranlagen wartungsarm und vergleichsweise kostengünstig.

Simone Degler vom Blinden- und Sehbehindertenverband Württemberg e.V. erklärte dem Publikum, wie im Kino eine Hörfilmfassung funktioniert. Bei einer solchen Fassung wird in dem Film zusätzlich zu den Dialogen erläutert, was in den einzelnen Filmsequenzen passiert. Mit Hilfe einer App können Filme, für die eine Hörfilmfassung vorliegt auf das smartphone geladen werden. Im Kino kann dann diese mit dem Film synchronisiert und mittels Kopfhörer angehört werden.

Abschließend hatte Dagmar Waizenegger vom Fachbereich Kunst und Kultur das Wort. Sie betonte, dass es der Kulturverwaltung nicht darum geht, dass spezielle Kulturangebote für Menschen mit Behinderungen gemacht werden. Das Kulturamt wünsche sich Veranstaltungen, die für alle zugänglich sind. In diesem Sinne gehe das Kulturamt auf die Kulturanbieter und deren Netzwerke zu und berate sie, wie sie ein Mehr an umfassender Barrierefreiheit entwickeln können. Sie sehe es auch als ihre Aufgabe in diesem Sinne mit den Kinobesitzern ins Gespräch zu kommen.

Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Elvira Martin, FORUM & Fachstelle INKLUSION.

Daran anschließend um 18.45 Uhr war der Filmstart der französischen Komödie „Fasten auf Italienisch“ mit dem mit dem französischen Superstar Kad Merad (Frankreich 2010, 102 Minuten).

… und für die Kino-Atmosphäre gab es Getränke, Popcorn und Gummibärchen.
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